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Land Grabbing in Äthiopien: Legale Pacht oder geraubter Boden?

 INSP Montag, 7. November 2011

Addis Abeba – Nur Reds Kopf lugt aus dem Grün hervor. Seit dem frühen Morgen kniet der Junge bei knapp 40 Grad in mitten eines Zuckerrohrfeldes und jätet Unkraut. Ein Inder mit einem großen Sonnenhut steht über ihm, passt auf, dass er auch nichts übersieht. Red ist acht Jahre alt. Umgerechnet 83 Cent verdient er, wenn er einen Tag lang auf dem Feld im Westen Äthiopiens schuftet. Das ist billiger als Pflanzenschutzmittel. Der indische Farmpächter will in spätestens drei Jahren Millionen verdienen, indem er im Hungerland Äthiopien mit Hilfe von Kinderarbeit produzierte Lebensmittel exportiert. (1119 Wörter) - Von Philipp Hedemann

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Red (8, foreground) and his friends are weeding in a sugarcane field on the Karuturi farm. Photo: Philipp Hedemann

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Indian farm manager Karmjeet Singh Sekhon in a nursery at his farm in Gambella (Western Ethiopia).Photo: Philipp Hedemann

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A heavy armed boy is guardig the Karuturi farm. Photo: Philipp Hedemann

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Karuturi is fire clearing the land. Where the flames fail, bulldozers help.Photo: Philipp Hedemann

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Farmer Turu Omod (kneeing, in white shirt) with her three children and two male family members behind the left over of her burned down storage.Photo: Philipp Hedemann


Im zwölftärmsten Land der Welt hat das sogenannte "Landgrabbing", der Wettlauf um riesige landwirtschaftliche Produktionsflächen, gerade erst begonnen. Die sozialen und ökologischen Risiken und Chancen sind noch nicht absehbar.

"Noch ist hier überall Wildnis, aber bald wird hier alles ordentlich aussehen und wir werden unter anderem Zuckerrohr und Ölpalmen anbauen", tönt Karmjeet Singh Sekhon als er sich in einem Toyota-Pick-Up über seine Farm kutschieren lässt. Rechts und links der Piste brennt das bislang unberührte Buschland, wo die gelegten Feuer zu schwach waren, helfen Bulldozer nach, aufgeschreckte Vögel fliehen vor den Flammen gen Westen, gen Südsudan. Der 68-Jährige Inder ist Manager einer gigantischen Farm, die sich auf einer Fläche von zunächst 100000 Hektar, bald sollen es 300000 Hektar sein (größer als Luxemburg), im Westen Äthiopiens erstreckt.

Beschleunigt durch den Anstieg und die Schwankungen der Lebensmittelpreise auf dem Weltmarkt und Hungerrevolten in 15 Ländern begann 2008 ein beispielsloser Run auf landwirtschaftliche Produktionsflächen in Afrika, Südamerika und Asien. Ein Weltbank-Report vom September 2010 kommt zu dem Ergebnis, dass alleine im Jahr 2009 weltweit 45 Million Hektar Land verpachtet wurden. Zwischen 1998 und 2008 waren es "nur" rund vier Millionen Hektar pro Jahr. Und der Hunger nach Land ist noch nicht gestillt. Die Weltbank geht davon aus, dass - konservativ geschätzt - in den Entwicklungsländern bis zum Jahr 2030 jedes Jahr rund weitere sechs Millionen Hektar Farmland an Investoren verpachtet werden, zwei Drittel davon in Sub-Sahara-Afrika und Südamerika.

Vor allem Länder wie Indien und die Golfstaaten wollen so den Hunger ihrer wachsenden Bevölkerungen stillen oder einfach Ernten erzielen, um damit auf dem Weltmarkt zu handeln. Mais, Reis, Weizen, Soja, Sorghum, Sesam, Zuckerrohr und Ölpflanzen für die Biospritproduktion stehen bei den Investoren besonders hoch im Kurs. Die Weltbank sieht darin Gefahr und Chance zugleich. "Die Landakquisitionen bergen ein großes Risiko. Der Schleier der Geheimhaltung, der auf diesen Land-Deals liegt, muss gelüftet werden, damit die armen Leuten nicht den ultimativen Preis zahlen und ihr Land verlieren", sagt Weltbank-Direktorin Ngozi Okonjo-Iweala.

Derzeit sind in Äthiopien, dem Land, in dem bei einer verheerenden Hungerskatastrophe vor 26 Jahren über eine Million Menschen starben, rund 4,5 Millionen Menschen auf Lebensmittelhilfsliegerungen angewiesen. Der Großteil der Notnahrung wird aus dem Ausland importiert. Kein Problem, findet Farm-Manager Sekhon. "Ein Teil unserer Produktion bleibt in Äthiopien und mit dem Export kommen harte Devisen ins Land, mit dem Äthiopien auf dem Weltmarkt einkaufen kann", sagt der Inder. Ein Gesetz, das besagt, dass ein gewisser Prozentsatz im Land bleiben muss, gibt es nicht und Karuturi-Marketing und Logistik-Chef Birinder Singh macht keinen Hehl daraus, dass seine Firma rein wirtschaftliche Ziele verfolgt und an den verkaufen wird, der am meisten zahlt. Egal wohin.

In Äthiopien leben rund 85 Prozent der über 80 Millionen Einwohner von der Landwirtschaft, doch die Erträge gehören zu den geringsten weltweit. Meist werden die kargen Felder wie vor hunderten von Jahren mit einem vom Ochsen gezogenen Holzpflug bestellt. Dünger, Pflanzenschutzmittel, Bewässerung: meist Fehlanzeige. Die äthiopische Regierung erhofft sich von der Verpachtung riesiger Flächen an ausländische Investoren den so dringend benötigten Modernisierungsschub für die Landwirtschaft, beruft sich dabei unter anderem auf die Welternährungsorganisation (FAO). Laut FAO muss die Nahrungsmittelproduktion zwischen 2010 und 2050 um 70 Prozent erhöht werden, um den weltweiten Hunger bei steigender Bevölkerung und gleichzeitig abnehmender landwirtschaftlicher Fläche stillen zu können. Das haben auch Anleger erkannt. Die Aktien von Agrarfirmen wie Karuturi stehen gut. Inhaber Ramakrishna Karuturi soll am Valentinstag 1998 seine erste Million gemacht haben. Heute ist er der größte Rosenproduzent der Welt, will auch im Landwirtschafts-Business die Nummer eins werden.

Die äthiopische Regierung soll ihm dabei helfen. Im Land am Horn von Afrika gibt es keinen privaten Landbesitz, alles Land - insgesamt 111,5 Millionen Hektar - gehört dem Staat. Dreiviertel davon sind laut der äthiopischen Regierung für die Landwirtschaft geeignet, doch bislang werden nur 15 Millionen Hektar bestellt. 3,6 Millionen Hektar - überwiegend im dünnbesiedelten und unterentwickelten Westen des Landes - hat die Regierung jetzt für äthiopische und ausländischen Investoren ausgezeichnet, rund ein Zehntel davon ist bereits verpachtet. Umgerechnet 4,62 bis 166,55 Euro (je nach Qualität des Landes und Anbindung an Infrastruktur) zahlen die Investoren pro Hektar und Jahr. Die Verträge haben Laufzeiten von 20 bis 45 Jahren.  Kritiker sprechen von einem Ausverkauf der Dritten Welt.

Doch Äthiopiens Premierminister Meles Zenawi will die Kritik nicht gelten lassen. Wer ausländische Konzerne des Landgrabbings bezichtige, sei schlecht informiert oder hege böse Absichten, meint der Politiker. "Wir möchten nicht die jungfräuliche Schönheit unseres Landes bewundern, während wir verhungern", sagte der Premierminister auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Indiens Premierminister Manmohan Singh in Addis Abeba.

Kein Wunder, dass die äthiopische Regierung zum Liebling der internationalen Agro-Investmentfirmen avanciert ist. In unmittelbarer Nachbarschaft der Karuturi-Farm will der äthiopisch-saudische Scheich Mohammed Hussein Ali Al Amoudi, einer der reichsten Männer der Welt,  auf der Farm seiner Firma Saudi Star bald bis zu eine Millionen Tonnen Reis pro Jahr anbauen. Offensichtlich größtenteils für den Export, denn Reis steht bislang kaum auf dem äthiopischen Speiseplan. "Es gibt jede Menge gutes Land, genug Wasser, billige Arbeitskräfte und eine stabile Regierung, die für Law and Order sorgt", sagt Karuturi Mann Birinder Singh.

Laut Esayas Kebede, Chef der staatlichen Agentur, die für die Verpachtung der landwirtschaftlichen Flächen zuständig ist, profitiert Äthiopien vielfach von der Verpachtung. "Durch den Export der Lebensmittel kommen dringend benötigte Devisen ins Land, die Farmen sorgen für Beschäftigung, Technik und Know-How werden importiert, helfen uns, die Produktivität zu verbessern und so die Ernährungssicherung zu erhöhen", sagt Kebede.

Doch nicht alle wollen den vermeintlichen Fortschritt. Bauer Ojwato steht auf seinem knapp einem Hektar großen Feld. Ab und zu weht der Wind das Knattern des Stromgenerators der Karuturi-Farm rüber. Eine knappe Minute braucht der Dorfvorsteher, um sein Feld, das er nur mit einem Grabstock bestellt, abzulaufen. Mehrere Stunden braucht Farmmanager Sekhon, um mit seinem Geländewagen die Farm, die er mit Bulldozern und 450-PS-Traktoren urbar macht, abzufahren. Bald will der Inder eine Landbahn für Flugzeuge bauen, die die Farm aus der Luft mit Pflanzenschutzmitteln besprühen sollen. Ojwato macht es wütend, dass die neben seinem Feld angebauten Lebensmittel exportiert werden sollen, während er und seine Familie regelmäßig auf Hilfsliegerungen angewiesen sind

"Als die Ausländer mit ihren großen Maschinen kamen, haben wir sie willkommen geheißen. Sie haben uns versprochen, dass sie uns Strom, Wasser und Krankenhäuser bringen.  Davon ist bislang nichts passiert. Sie haben nur ein paar von uns schlechtbezahlte Arbeit gegeben", sagt der Bauer. "Wir zahlen immer den nationalen Mindestlohn", sagt Karuturi-Mann Birinder Singh stolz und Esayas Kebede von der äthiopischen Regierung sagt lapidar, dass niemand gezwungen werde, für den Lohn von rund einem Euro pro Tag bei den Indern zu arbeiten. Dennoch schuften viele Kindern auf den Feldern.

"Die spielen doch nur im Gras", sagt Esayas Kebede, als er mit den Fotos der arbeitenden Kindern konfrontiert wird. Und dann gibt er dem Journalisten noch den jovialen Rat. "Die ganze Welt wird über Sie lachen, wenn Sie schreiben, dass in Gambella die Kinder arbeiten. Denn die ganze Welt weiß, dass die Arbeitsmoral dort sehr schlecht ist."

Auch wenn seine Familie das kärgliche Einkommen aus der Kinderarbeit gut gebrauchen könnte, hat Bauer Ojwato seinen Kindern verboten, bei den Indern zu arbeiten. Sie sollen später Lehrer, Ärzte oder Ingenieure werden, doch dazu müssen sie zur Schule gehen, anstatt auf den Feldern zu schuften. Nicht alle sind so weitsichtig wie Bauer Ojwato. "Manchmal kommen nur fünf von sechsig Schülern zum Unterricht. Die anderen arbeiten auf den Feldern", sagt Tigaba Tekle. Er ist stellvertretender Leiter einer Schule, die unmittelbar an die Karuturi-Farm angrenzt.

Offiziell werden für Großfarmen wie die des Inders nur bislang ungenutzte Flächen genutzt, doch Menschenrechtsgruppen befürchten, dass es zu Zwangsumsiedlungen kommt.

So wirft die deutsche "Gesellschaft für bedrohte Völker" der äthiopischen Regierung vor, für die neuen Großfarmen systematisch Menschen um- und anzusiedeln. Ein heikles Thema, das Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) bei seinem Äthiopien-Besuch im Januar ansprach. "Premierminister Meles Zenawi versicherte uns, dass es keine Zwangsan- oder umsiedlungen geben werde. Sollten wir davon Kenntnis erhalten, sollten wir uns persönlich bei ihm melden. Das haben wir uns gut gemerkt", sagte der Minister dieser Zeitung während seines Äthiopienbesuches.

Fakt ist: In Westäthiopien findet derzeit ein staatliches Umsiedlungsprogramm statt. Auch wenn kein expliziter Zusammenhang zwischen den Großfarmen und den Umsiedlungen besteht, vermuten die Betroffenen genau das. Laut dem offiziellen Regierungsprogramm finden alle Umsiedlungen freiwillig statt, dienen lediglich dazu, der Bevölkerung einen besseren Zugang zu Infrastruktur, Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen zu gewähren. Die Realität sieht anders aus.

Mit ihren drei Kindern kauert Bäuerin Turu Omod vor dem, was von ihrem Speicherhaus und ihrer Maisernte übriggeblieben ist. "Die Regierung hat uns immer wieder gesagt, wir sollen in ein neues Dorf ziehen, aber wir wollten hier bleiben. Hier haben schon unsere Vorfahren das Feld bestellt", sagt die Frau. Kurz darauf brannten am helllichten Tag zeitgleich mehrere Hütten der kleinen Siedlung nieder. Eine Frau wurde schwer verletzt, ein Mann festgenommen, kurz danach jedoch wieder freigelassen. Die Bewohner vermuten, dass die Regierung mit dem Feuer dem "freiwilligen" Umsiedlungsprogramm Nachdruck verleihen, so unbesiedeltes Land für ausländische Investoren schaffen möchte. Die Regierung (erzielte bei den Parlamentswahlen im vergangenen Jahr 99,6 Prozent aller Stimmen) bestreitet dies, hinderte den Autor jedoch an seinen Recherchen in den Umsiedlungsgebieten und wollte ihm einen offiziellen Begleiter zur Seite stellen. Begründung: "Wir wollen nicht, dass Sie politisch unerwünschte Informationen sammeln."

Und nicht nur Menschenrechtler, auch Umweltschützer haben ein Problem mit den neuen Großfarmen. Vor 40 Jahren waren noch 40 Prozent Äthiopiens mit Wald bedeckt, heute sind es weniger als drei Prozent - und in Gambella brennt der Busch.

"Es wurde keine Umweltverträglichkeitsstudie gemacht. Die ökologischen Folgen von Brandrodung und intensiver Bewässerung sind überhaupt nicht abzusehen", schimpft Girma Gumata, Mitarbeiter des unmittelbar an die Karuturi-Farm angrenzenden Nationalparks. Wie in der Serengeti ziehen jedes Jahr rund eine Million Antilopen durch den Park. Es ist die zweitgrößte Tierwanderung der Welt. Noch weiß niemand, wie die Tiere mit den Zäunen der Farmen zurechtkommen werden. Laut äthiopischer Regierung, gab es Umweltverträglichkeitsstudien, ökonomische und ökologische Interessen stünden in keinem Konflikt

Farm-Manager Sekhon, der sich lieber Bauer als Investor nennt, macht keinen Hehl daraus, dass ihm die Antilopen ziemlich egal sind. Für ihn muss es mit der Farm vorangehen, denn er hinkt dem Zeitplan hinterher. Und dafür müssen der kleine Paul und seine Freunde weiter Unkraut zupfen.

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