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Das Dorf, in dem AIDS seinen Anfang nahm

 INSP Montag, 6. Februar 2012

Als AIDS vor über 30 Jahren das Dorf Kasensero zum ersten Mal im Griff hatte, wusste noch niemand, was diese Krankheit war oder wie man sie behandeln könnte, was zu einer verheerenden Todesrate führte. Auch heute nehmen viele Ugander die Krankheit auf die leichte Schulter, obwohl man jetzt viel mehr über das Virus und den Schutz vor AIDS weiß, und tragen so zu seiner Verbreitung bei. (1110 Wörter) - Von Philipp Hedemann

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Kyarisima Annet (24) with her son Evans (4 months) in Kasensero, Uganda. Her husband is a fisher man. The fisher men are the best customers of the prostitutes, but she is convinced that her husband is faithful.Photo: Philip Hedemann

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Two girls in the main street of Kasensero, Uganda.Photo: Philip Hedemann

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HIV positive Aids counselor Moses in front of his house in Kasensero, Uganda.Photo: Philip Hedemann

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Customs toll bar at the main road of Kasensero, Uganda.Photo: Philip Hedemann

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Farmer and village elder Abdu Senkima (60) in Kasensero, Uganda.Photo: Philip Hedemann


Nantongo Rose war die erste. Ihre Haut wurde gelb, ihre Haare grau, sie magerte ab, während ihre Arme und Beine anschwollen. Sieben Monate später erlöste ein Fieberschub sie von ihren Qualen. Die Bewohner des kleinen Fischerdorfs Kasensero am Ufer des Victoriasees in Uganda dachten zunächst, die 30-jährige sei von einem Muteego-Fluch, der ganze Familien auslöschen kann, belegt. Vielleicht hatte sie einem Händler im nur wenige Kilometer entfernten Tansania bestohlen? War der tödliche Fluch die Rache? Erst Jahre später erklärten Forscher den Dorfbewohnern, dass die Händlerin nicht einem Fluch, sondern einer neuen Krankheit zum Opfer gefallen sei. Vor 32 Jahren brach in Kasensero AIDS erstmals als Epidemie aus - und auch heute sind viele der Bewohner des trostlosen Dorfes mit der tödlichen Krankheit infiziert.

"Mr. Kawnaga war der zweite. Er hatte die gleichen Schwellungen wie Nantongo. Doch seine Haut wurde nicht heller, sondern immer dunkler. Er magerte ab, hatte Durchfall, ein paar Monate später war auch er tot. Wer Nummer drei war, weiß ich nicht mehr", erzählt Abdu Senkima während der Regen auf das Wellblechdach seiner armseligen Hütte trommelt. Mit seinen 60 Jahren gehört der Bauer zu den Ältesten in Kasensero. Mehr als zwanzig seiner Familienangehörigen sind an AIDS gestorben.

Im Oktober 1978 hatte der ugandische Diktator Idi Amin das Nachbarland Tansania angegriffen. Ab 1979 drangen tansanische Truppen in Kasensero ein, konnten Idi Amis Truppen bald schlagen, der Gewaltherrscher floh nach Saudi Arabien. "Idi Amin hatte uns gewarnt, dass die Tansanier uns mit einem schrecklichen Tripper infizieren würden und uns die Haare ausfallen würden. Genau das passierte", erzählt Abdu Senkima.

Der Bauer erinnert sich, wie Familienangehörigen und Freunden Gliedmaßen abfaulten, während Ärzte hilflos zusahen; wie Töchter ihre Eltern verloren und später selbst Kinder zur Welt brachten, die bald als Waisen aufwuchsen. "Weil die Kranken so schrecklich abmagerten, haben wir die unheimliche Krankheit, die bald jede Familie befallen hatte, `Slim´ genannt. Das Leben in unserem Dorf kam fast ganz zum Erliegen. Kaum jemand hatte noch Kraft, zum Fischen auf den See zu fahren. Die, die noch Kraft hatten, mussten die Toten begraben. Die Schneider waren damit beschäftigt, enge Hemden für die Abgemagerten zu nähen", erzählt Abdu Senkima.

Da lange niemand wusste, woher die Krankheit kam und wie sie übertragen wurde, breitete die Seuche sich schnell im ganzen Dorf, von dort auf über die Fischer an den Ufern des Victoriasees in Uganda, Kenia und Tansania, über Trucker und Prostituierte auf dem East African Highway in Ostafrika aus. "Ich glaube, in einem Jahr starben in unserem Dorf über 300 Menschen. Wenn wir irgendwo anders hinziehen wollten, wurden wir geächtet. Die Ärzte spritzten den Leuten irgendwelches wirkungsloses Zeug und benutzen immer die gleiche Nadel. Wir wussten nicht, dass es dadurch nur noch schlimmer wurde. Und Kondome gab es hier damals nicht", berichtet Abdu Senkima.

Heute gibt es Kondome, aber der Gebrauch ist nicht gerade populär. "Mit kostet 5000 bis 10000 Schilling (umgerechnet 1,44 bis 2,89 Euro), ohne ab 20000 Schilling (5,78 Euro, bitte noch mal checken, der Wechselkurs ändert sich häufig). Die meisten wollen es ohne", erzählt Proscovia Birungi. Bis zu fünf Männer empfängt sie jeden Tag in ihrer Hütte, die nicht viel größer als ihr Bett ist. Dass sie HIV-positiv ist, erzählt sie ihren Freiern nicht. Die meisten wollen es ohnehin nicht wissen. Seit drei Jahren arbeitet die 25-Jährige als Prostituierte in Kasensero. "Viele Mädchen machen es ohne Kondom, ich nur mit, auch wenn ich dafür weniger Geld kriege und eigentlich nichts zu verlieren hätte", flüstert die Frau mit den ausgeschlagenen Frontschneidezähen. Nur mit dem Vater ihres Sohnes will sie ungeschützten Sex gehabt haben. "Erst hat er mich angesteckt, dann hat er mich verlassen", sagt Birungi. Eigentlich war die gelernte Friseurin ins nach Hoffnungslosigkeit und vergammelndem Fisch stinkende Kasensero gekommen, um in einer der vielen Bars den Durst der Fischer zu stillen, doch als ihr Chef ihr mehrere Monate keinen Lohn zahlte, begann die alleinerziehende Mutter sich für ihren Sohn zu verkaufen.

"Ich habe meine Würde verloren. Ich weiß, dass Gott mich jederzeit zu sich nehmen kann. Aber mein Sohn ist erst fünf Jahre alt. Er ist gesund. Er soll einmal Doktor werden und Aidskranken helfen", sagt die Frau, die heute noch keinen Kunden hatte. Dann muss sie los. Die Männer sind zurück vom See.

Am schmutzigen Strand heben die Fischer ihren Fang aus ihren schlanken Holzboten. Viele der Männer sind betrunken, einige von ihren werden heute noch Proscovia oder eine ihrer Kolleginnen in ihren dunklen Kammern aufsuchen. "Natürlich nur mit Kondom", lallt der 27-jährige Vincent Kiyimba und seine Kollegen, die alle schon Familienmitglieder und Freunde an AIDS haben sterben sehen, lachen. "Ich benutze nie ein Kondom. Das bringt doch überhaupt keinen Spaß", brüllt Dan mitten ins Gelächter. Der 45-jährige Fischer weiß seit sieben Jahren, dass er HIV-positiv ist. Was mit seinen oft wechselnden Partnerinnen passiert, ist dem nach billigem Schnaps und Fisch stinkendem Mann ziemlich egal.

Männer wie Dan sind es, die Moses Kampf wie einen Kampf gegen Windmühlen erscheinen lassen. Der ehemalige Fischer erfuhr vor acht Jahren, dass er HIV-positiv ist, seitdem arbeitet er ehrenamtlich als HIV-Berater in Kasensero. "Ich kläre über die Ansteckungsgefahren auf, verteile Kondome und achte darauf, dass die Patienten regelmäßig ihre Medikamente nehmen. Aber die Fischer sind oft völlig verantwortungslos. Vor allem wenn sie HIV-positiv, betrunken oder beides sind", stöhnt der 42-Jährige. Er sah drei seiner Kinder sterben. Die Todesursache ist nie untersucht worden, aber Moses, der mittlerweile von der ebenfalls HIV-positiven Mutter seiner Kinder geschieden ist, kann es sich denken.

Professor Joseph Konde-Lule, renommierter Seuchenforscher an der Makerere-Universität in der ugandischen Hauptstadt Kampala, findet, dass im Kampf gegen HIV und AIDS immer noch nicht genug getan wird. "Wir wissen nicht, wie man AIDS heilen kann. Aber wir wissen seit 30 Jahren, wie man neue Ansteckungen verhindern kann. Wir müssen durch Aufklärungsarbeit die Prävention verbessern. Doch das ist teuer, und Uganda ist ein armes Land. Wir brauchen mehr Unterstützung aus dem Ausland", sagt der HIV-Experte.

Laut UNAIDS, dem HIV/AIDS-Programm der Vereinten Nationen hatten Ende 2010 47 Prozent der Bevölkerung in den armen Ländern Zugang zu Aidsmedikamenten, ein Jahr zuvor waren es nur 39 Prozent.

In Kasensero freuen sich nicht alle darüber. Dorfvorsteher Abdu Senkoma: "Als wir AIDS noch Slim nannten, konnte man zumindest sofort sehen, wer gesund und wer krank ist. Jetzt ist es gefährlicher."

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