INSP Donnerstag, 9. Februar 2012
Mit fallenden Temperaturen in der Ukraine steigt die Todesrate weiterhin, wobei Obdachlose am Schlimmsten betroffen sind. Die Haltung der ukrainischen Regierung zu Obdachlosigkeit und Arbeitslosigkeit wird hinterfragt. Verluste sind auch in anderen europäischen Ländern berichtet. (794 Wörter) - Von Laura Smith
Straßenmagazin-Editoren in ganz Europa berichten von Todesfällen aufgrund der extremen Kälte. Die schlimmsten Verluste waren in Osteuropa.
In Polen sollen 135 Menschen gestorben sein, und es gab weitere acht Todesfälle letztes Wochenende in Rumänien - womit die Gesamtanzahl zu 65 kommt.
Serbien erklärte letzte Woche Ausnahmezustand: 19 Menschen starben bisher an der Kältewelle.
In Berlin, Deutschland, wurde ein Mann - angeblich ein Verkäufer des Straßenmagazins "Straßenfeger", lebend verbrannt als er versuchte, sich an einem Feuer zu wärmen. Das Straßenmagazin gibt an, dass die Polizei in seinem Todesfall ermittelt, und dass die Identität des Opfers noch nicht bestätigt wurde.
Der Editor des neuen Straßenmagazins in Griechenland berichtet von 5 Todesfällen obdachloser Menschen, davon 2 in Kreta, 1 in Volos, 1 in Thessaloniki und 1 in Patra.
In Großbritannien wurde der erste Todesfall am 12. Februar gemeldet, nachdem die Temperatur zu -18C gesunken war und ein obdachloser Mann in Hull erfror.
Die Zahlenaufstellungen sind verschieden; geschätzte 400 Todesfälle wurden in den letzten zwei Wochen in Europa gemeldet, wobei Obdachlose und ältere Menschen am Schlimmsten betroffen sind.
Ukraine schlimmsten betroffenen
In der Ukraine sind bereits über 135 Menschen an der extremen Kälte gestorben, die meisten davon Obdachlose. 64 obdachlose Menschen wurden in den Straßen ukrainischer Städte bisher erfroren aufgefunden; wer auf der Straße lebt, kämpft in Temperaturen bis zu -35C um das nackte Leben.
Tausende Obdachlose mit Erfrierungserscheinungen und Unterkühlung wurden bisher in Spitälern behandelt, und Spitäler werden offiziell dazu angehalten, obdachlose Patienten nach der Behandlung nicht wegzuschicken, damit sie der Kälte nicht wieder ausgesetzt sind.
Die Notfalldienste bestätigen, dass ca. 60% der bisher gestorbenen Ukrainer erfroren auf der Straße gefunden wurden, 10% im Spital und beinahe 30% in ihrem eigenen Heim starben.
Das Notfallministerium des Landes hat über 3000 geheizte Zelte errichtet, die Obdachlosen auf Zeit Zuflucht bieten sollen - Wärme, Nahrung, und heiße Getränke. Aber die staatlichen Mittel sind begrenzt, und da einfach zu viele Menschen Hilfe brauchen, werden die Meisten nach nur ein paar Stunden Erholung wieder in die bittere Kälte geschickt.
Die Anzahl der Erfrorenen eskaliert in ganz Osteuropa, aber in der Ukraine starben mehr Menschen als in anderen Ländern. Die Notlage der Obdachlosen und die Schwierigkeiten des Staates, ihnen adäquate Hilfe zu bieten, ist offensichtlich.
"Offiziell wird angegeben, dass 85,000 um staatliche Hilfe angesucht haben. Das ist eine furchtbare Zahl, und zeigt, dass diese 85,000 Menschen bisher keine Unterstützung hatten," sagt Maryana Sokha, Editorin des Straßenmagazins Prosto Neba, das in der Stadt Lviv von Obdachlosen verkauft wird.
"In der Ukraine arbeiten ungefähr 100 soziale Dienste für Obdachlose, davon 30 nichtstaatliche Organisationen (NGOs)," erklärt sie. "Die Qualität dieser Dienste ist ein anderes Thema, aber reichen 100 Agenturen in einem Land mit 45 Millionen Einwohnern wirklich aus, wenn von ihnen ein Viertel in absoluter Armut lebt?"
Der Grund, dass so viele Menschen starben, ist laut Experten nicht nur der bitteren Kälte zuzuschreiben - sondern vielmehr den sozialen und ökonomischen Maßnahmen der ukrainischen Regierung, die zu mehr Obdachlosigkeit in den Straßen geführt hat, als es in anderen osteuropäischen Ländern gibt.
Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise 2008-2009 sind in der Ukraine noch immer spürbar, mit Arbeitslosigkeit bei ca. 8.5%, eine der höchsten in Europa. Die Kältewelle forderte die meisten Toten in der Ostukraine, wo sich auch die meisten Arbeitslosen im Land befinden.
"Man erkennt das Obdachlosigkeitsproblem in der Ukraine auch daran, wie viele Sozialdienste daran arbeiten, welche Qualität diese Dienste bieten, und die typische Haltung der Behörden und der Gesellschaft zu heimatlosen Menschen," findet Sokha. Experten meinen ebenfalls, dass die negative Einstellung zu obdachlosen Menschen zu der mangelhaften Reaktion zur Kältekrise beigetragen hat.
Sokha warnt, dass die Todesrate im Land wahrscheinlich viel höher liegt als offiziell festgehalten werden konnte: "Ich erwarte, dass wir viele Obdachlose später tot in leerstehenden Häusern oder Fabriken auffinden werden, wo sie vor der Kälte Zuflucht suchten."
Die Regierung wurde in der Kältekrise unterstützt und beraten von NGO's wie u.a. "Community of mutual aid Oselya", welche bereits seit 10 Jahren mit Obdachlosen in Lviv arbeitet und das erste Projekt dieser Art in der Ukraine ist. Die Organisation hilft den Obdachlosen in der Stadt durch verschiedene Projekte wie Straßenarbeit, Tageszentren, Bildung, Arbeitskreise und das Straßenmagazin Prosto Neba.
"Oselya-Mitarbeiter bieten Menschen in der Stadt täglich heiße Mahlzeiten, Tee und Kleidung; und sie geben auch Information zu weiteren Hilfeleistungen," erklärt Sokha. "Außerdem versuchen wir, Menschen in leerstehenden Häusern, Fabriken oder Kellern zu finden und sie zu überzeugen, Spitäler oder Nachtasyle aufzusuchen. Das ist in unserem Land besonders wichtig, da Obdachlose es nicht gewohnt sind, Hilfe und Mitgefühl anzutreffen."
Die tragische Anzahl Toter in der vergangenen Woche zeigt das Obdachlosenproblem der Ukraine auf, ebenso wie die Erfolglosigkeit der Regierung in dieser Hinsicht. Trotz des momentanen Aufwandes wird einfach nicht genug getan, um den mindestens 85,000 Obdachlosen zu helfen, die heute in den Straßen der Ukraine um ihr Leben kämpfen.
"Das Problem ist jetzt in den Medien, und das hat zu Diskussionen über mögliche Lösungen geführt. Die Öffentlichkeit wird über den Ernst der Lage für obdachlose Menschen informiert, und das ist eine neue Gelegenheit, die Mauern abzubauen, die zwischen Obdachlosen und der Gesellschaft immer noch existieren," sagt Sokha.
Zur Langzeitwirkung der "Schneenotunterstützung" ist sie jedoch skeptisch: "Natürlich ist es gut und wichtig, dass wir Dienste und Organisationen haben, die gerade jetzt an der Situation arbeiten und Menschenleben retten. Ich fürchte nur, dass das Thema bis zur nächsten Kältewelle wieder in Vergessenheit gerät."
Übersetzt von Susanne Koch