INSP Montag, 20. Februar 2012
Obwohl nur zwei Autostunden von Bangalore entfernt, ist man in dem Dorf Yeluvahalli in einer anderen Welt. Nichts erinnert hier an die Bürotürme und schneeweißen Mega-Shoppingmalls, die seit dem Technologieboom das Stadtzentrum beherrschen. Inmitten von hektargroßen Reisfeldern, Kokosnusspalmen und Felsformationen gelegen, deutet nichts hier auf die Nähe des Ortes zu der Stadt, die zum weltweiten Inbegriff der Globalisierung wurde. (1694 Wörter) - Von Danielle Batist
Als der bekannte amerikanische Journalist Thomas Friedmann 2005 verkündete "Die Erde ist flach," war Bangalore das Hauptbeispiel seines gleichnamigen Buchs. Er beschreibt die Stadt als das neue Silicon Valley, als gleichberechtigten Teilnehmer im internationalen Kampf um globales Wissen und Aufträge. Friedman folgert daraus, dass in Indien das Zentrum der "Globalisierung 3.0" liege, in deren Folge die Welt von ohnehin kleiner zu winziger Größe zusammenschrumpfe und das globale Spielfeld gleichzeitig verflache.
In den sieben Jahren seit der Veröffentlichung des Buchs sind Millionen Inder in die Mittelklasse aufgestiegen. Gerade gut ausgebildete Frauen, Teil einer jungen und weltgewandten Arbeiterschaft, sind der Verwirklichung ihrer Freiheitsrechte und ihrer Unabhängigkeit ein großes Stück näher. Doch die "Globalisierung 3.0" hat, entgegen der optimistischen Erwartungen des Westens, längst nicht auf alle Bereiche der indischen Gesellschaft ausgestrahlt.
In ihrem neuesten Länderbericht zu Indien warnt die Weltbank, dass dessen "Einzug in die Weltwirtschaft von einem beeindruckenden Wirtschaftswachstum begleitet war, welches dem Land signifikante wirtschaftliche und soziale Vorteile gebracht hat. Demgegenüber öffnet sich die Schere im Hinblick auf Einkommen und den Lebensstandard zunehmend. Für große Teile der Bevölkerung, besonders Arme, (...) Minderheiten und Frauen, gibt es weder Zugang zu Bildung noch Chancengleichheit, sodass ihnen die Vorzüge des wirtschaftlichen Wachstums vorenthalten bleiben."
Die Volkszählung aus dem vergangenen Jahr belegt, dass sich die Bevölkerung der Städte in den vergangenen 60 Jahren annähernd verdoppelt hat. Trotzdem leben weiterhin fast 70 Prozent der Gesamtbevölkerung Indiens in Dörfern und kleineren Gemeinden. In den ländlichen Gebieten rund um die Städte ist das Leben vieler Frauen heute eher ein Albtraum als traumhaft schön.
Sugunamma (43 Jahre), sitzt im Schneidersitz auf ihrem kleinen bunten Teppich, der fast den gesamten Boden bedeckt. Ihre Hände liegen im Schoß, während ihre Finger mit dem hellgrünen Stoff ihres Saris spielen. Das lange schwarze Haar hat sie zu Zöpfen zurückgebunden. Sie blickt auf und lächelt einige neugierige Passanten an, dann wendet sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Innenraum zu. Das ganze Haus ist zwar höchstens siebzehn Quadratmeter groß, aber es ist alles Wichtige da, von weiß gestrichenen Wandregalen bis zu einem kleinen Holzofen mit Kaminabzug.
Trifft man Sugunamma in dieser friedlichen Umgebung, so kann man sich nur schwer vorstellen, welche Hölle aus häuslicher Gewalt, sexuellem Missbrauch, Versklavung, Morddrohungen und Selbstmordversuchen sie während ihrer Ehe durchlebt hat. Doch diese Schrecken waren die tägliche Realität ihres Lebens als Ehefrau. Im Alter von fünfzehn Jahren wurde sie an einen Fahrenden verheiratet, mit dessen Familie sie auf der Straße mit Liedern und Wahrsagen Geld verdienen musste. "Mein Mann war älter als ich und sehr dominant. Ich wollte ihn nicht heiraten, aber ich hatte keine Wahl. Wir bettelten um Geld und Essen, wo wir hinkamen, und lagerten an öffentlichen Feuerstellen. Ganze Dörfer kamen, um uns zu sehen. Ich hasste das."
Mit sechzehn Jahren bekam sie ihre Tochter, und bald darauf ihren Sohn. Um diese Zeit begann der Missbrauch. "Mein Mann war ein aggressiver Trinker. Er schlug mich mit jedem Stock, dem ihm nur in die Hände fiel. Meistens schritt niemand ein. Probleme zwischen Eheleuten wurden nie offen angesprochen."
War das Geld zu Ende, musste Sugunammas Mann andere Wege finden, seine Alkoholsucht zu finanzieren. "Erst stahl er meinen Schmuck und verkaufte sogar die Ohrringe und Armreifen, die ich gerade trug - er riss sie mir einfach ab. Dann waren meine Kleider dran, bis ich keinen Sari mehr anzuziehen hatte. Danach verkaufte er auch noch unseren Hausrat, sogar die Töpfe und Pfannen. Wir hatten nichts mehr, womit wir kochen konnten." Als seine Prügel immer schlimmer wurden, flüchtete sie zum elf Kilometer entfernten Haus ihrer Mutter. "Sie sagte zu mir: 'Du bist jetzt verheiratet, also gehörst du zu denen.'"
Das Schlimmste stand ihr aber noch bevor. Als das Ehepaar eines Tages auf dem Heimweg an einem Wasserspeicher am Rand eines Dorfes vorbeikam, kam es zum Streit. Das Reservoir war tief und fast leer, und er stieß seine Frau über den Rand. Sugunamma kam nur mit viel Glück lebendig wieder heraus. Aber damit waren seine Versuche, sie ernsthaft zu verletzen, noch nicht zu Ende. "Mehrere Male drückte er meinen Kopf unter Wasser und versuchte mich zu ertränken. Und er schlug auch immer wieder die Kinder."
Nach einer besonders schlimmen Tracht Prügel rannte Sugunammas Tochter, die sie zu dem Zeitpunkt noch ein Kleinkind war, von zu Hause fort. Sie war zwei Tage lang verschwunden. Während ihr Mann schlief, suchte Sugunamma Tag und Nacht nach ihr, bis sie ihr Kind schließlich unter einer niedrigen Brücke aufstöberte. Ein anderes Mal flüchtete sich das Mädchen in den aus Kokosblättern gebauten Schuppen eines Nachbarn. Sugunamma kann sich an jedes Detail ihrer furchtbaren Erlebnisse erinnern. "Der Nachbar nutzte den Schuppen zur Seidenraupenzucht, und er musste die Ratten und Schweine davon fernhalten. Als er mit einem Stock an die Wände des Schuppens schlug, um sie zu vertreiben, kam meine Tochter schreiend herausgerannt. Der Klang der Schläge hatte sie in Angst versetzt. Diese Momente werden mich für immer verfolgen."
Häusliche Gewalt und sexueller Missbrauch in der Ehe werden in der Kultur der indischen Landbevölkerung oft nicht als Verbrechen angesehen. In Sugunammas Zwangsehe mit einem Mann, den sie zutiefst fürchtete, kam es zu sexuellen Handlungen, die nach westlichen Maßstäben als Vergewaltigung gelten. "Oft lag ich im Dunkeln und wartete darauf, dass er nach Hause kam. Ich merkte sofort, ob er betrunken war. Ich roch den Alkohol in seinem Atem, wenn er mich zwang, mit ihm zu schlafen. Es tat mir sehr weh, doch ich versuchte, keinen Laut von mir zu geben, um die Kinder nicht zu wecken. Doch sie wurden oft von seinen Schlägen gegen die Tür wach und ich konnte sie unter ihrer Bettdecke hervorschauen sehen. Das war das Schlimmste von allem."
Sugunamma wurde schwer depressiv und versuchte zwei Mal, sich das Leben zu nehmen. "Ich dachte ständig an Selbstmord. Nur der Anblick meiner Kinder hielt mich zurück. Wen hätten sie noch, wenn ich weg wäre? Ich dachte sogar daran, auch ihrem Leben ein Ende zu setzen, aber wenn ich ihre Gesichter sah, wusste ich, dass ich kämpfen musste. Ich dachte oft daran, wegzulaufen, aber wo sollte ich hin? Ich hatte niemanden, selbst meine Mutter wollte mich nicht mehr aufnehmen. Ich saß fest."
Der Wendepunkt kam, als Sugunamma herausfand, dass ihr Mann versuchte, sie und die Kinder als Sklaven zu verkaufen. Er hatte seine Familie deshalb schon nach Hyderabad gebracht, doch der Schlepper, der das Geschäft abwickeln sollte, hatte die Stadt bereits verlassen. Bei einem Zwischenstopp auf der Rückreise weckte sie nachts ihre Kinder, und sie rannten davon. Dies war das letzte Mal, dass sie ihren Mann sah.
Es folgten drei harte Jahre, während derer die zweifache Mutter auf der Suche nach Arbeit von Dorf zu Dorf wanderte. Drei Menschen brauchten Essen, eine Unterkunft hatten sie nicht - jeder Tag war ein Kampf ums Überleben. Die Kinder gingen nicht zur Schule und arbeiteten oft als Hilfskräfte bei Bauern. Als alleinstehende Frau ohne den Schutz des Ehemanns wurde Sugunamma oft von Fremden belästigt, und als sie sich in Bangalore als Hausmädchen verdingte, musste sie sich gegen mehrere übergriffige Dienstherren wehren.
Die Sorge um die Zukunft ihrer Kinder gab ihr schließlich den Mut, in ihr Dorf zurückzukehren. "Ihre Ausbildung und ihre Zukunftschancen waren mir wichtiger als alle Entbehrungen, die ich würde auf mich nehmen müssen:"
Sie hatte Angst, dass ihr Mann sie dort finden würde; aber er tauchte nie wieder auf, und schließlich lebte sie sich wieder ein.
Als erste geschiedene Frau ihres Dorfes musste Sugunamma sich gegen eine Menge von Vorurteilen, auch seitens ihrer eigenen Familie, durchsetzen. Auch nachdem ihre Mutter ihr erlaubt hatte, ins Dorf zurückzukehren, konnte sie nicht im Haus ihrer Familie wohnen. Man gab ihr stattdessen ein kleines Stück Brachland nebenan. Darauf baute Sugunamma eine Hütte aus Palmwedeln, aber das kleine Stück Plastik, mit der sie die Hütte gedeckt hatte, hielt den schweren Monsunregen nicht stand. "Jedes Mal, wenn es regnete, musste ich die Kinder wecken, und wir schlüpften mit unserer Kerosinlampe unter die Plastikplane. So saßen wir oft stundenlang, bis es wieder aufhörte."
Als die indische Wohltätigkeitsorganisation Prakruthi vor sechs Jahren im Dorf Yeluvahalli eine Frauen-Selbsthilfegruppe gründete, war Sugunamma eines der ersten Mitglieder. Mit Unterstützung durch den schottischen Hilfsfonds SCIAF wurde ein kollektives Spar- und Kreditprogramm gestartet, das es Sugunamma ermöglichte eine Kuh kaufen und durch den Verkauf der Milch ein kleines Einkommen zu erzielen. Mit der Zeit reichten ihre Ersparnisse für den Kauf weiterer Tiere, und schließlich auch für den Bau eines Hauses.
Als Mitglied der Selbsthilfegruppe lernte Sugunamma auch Lesen und Buchführung, und als die örtliche Schule einen Koch suchte, bewarb sie sich mit Hilfe einiger Mitglieder der Gruppe erfolgreich auf die Stelle.
Vor allem aber, so sagt sie, gab ihr die Gruppe den Mut sich ihrer Vergangenheit zu stellen. "Ich habe keine Angst mehr. Ich bin den Kindern gegenüber sehr offen, und wir sprechen über unser früheres Leben. Das alles hat sie sehr geprägt. Vor allem mein Sohn hat immer wieder damit zu kämpfen. Er wird oft wütend und fragt mich 'Warum musste das uns passieren?' Ich sage ihm, dass er versuchen soll loszulassen. Das Wichtigste ist, dass wir jetzt frei sind."
Sugunamma erhebt sich vom Boden ihres Wohnzimmers und greift in eins der Regale an der Wand. Sie öffnet eine kleine Schachtel und nimmt ein Bild heraus. Es zeigt zwei kleine Kinder im Alter von vier und sechs Jahren. Die Aufnahme entstand wenige Wochen, bevor die Familie ihrem brutalen Ehemann und Vater entkam. Sugunamma streichelt mit dem Finger über das Foto und hält inne, als er das Gesicht ihres Sohns berührt. "Er sieht genau wie sein Vater aus, aber er wird sein eigenes Leben führen."
Die Straße vom Dorf in Richtung Bangalore ist von Werbetafeln gesäumt, deren Botschaften sich an die neue Mittelklasse richten. Das größte Plakat verkündet, unter dem Bild eines himmelhohen, weiß schimmernden Apartmenthauses: "Wenn Sie nach einem unabhängigen Heim suchen, haben wir das Richtige für Sie." Für Sugunamma werden die Worte "unabhängiges Heim" immer eine ganz besondere Bedeutung behalten.
Übersetzung aus dem englischen: Veronica Koehn
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