print logo
  • Username:  
    Password:  

Indien rottet Polio aus, nicht die Armut

 INSP Montag, 20. Februar 2012

Der größte demokratische Staat der Welt erreicht einen Meilenstein nach dem anderen. Von wirtschaftlichem Wachstum in Rekordhöhe zur kürzlichen Ausrottung von Polio. Danielle Batist berichtet von der Informatikhauptstadt Bangalore, in der es für Millionen noch immer sehr schwierig ist, am Erfolg teilzuhaben. (1595 Wörter) - Von Danielle Batist

SNS_India eradicates polio not poverty 3

Nagma Sultana (15) vor dem kleinen Zimmer ihrer Familie in den Slums von Bangalore. Sie trägt eine Beinschiene, um ihr mit Polio infiziertes Bein zu stützen. Links im Bild ist Nagmas Mutter, die alleine den Haushalt führt.Photo: Simon Murphy

SNS_India eradicates polio not poverty 2

Nagma Sultana (15) vor dem kleinen Zimmer ihrer Familie in den Slums von Bangalore. Sie trägt eine Beinschiene, um ihr mit Polio infiziertes Bein zu stützen. Links im Bild ist Nagmas Mutter, die alleine den Haushalt führt.Photo: Simon Murphy

SNS_India eradicates polio not poverty 1

Nagma Sultana (15) vor dem kleinen Zimmer ihrer Familie in den Slums von Bangalore. Sie trägt eine Beinschiene, um ihr mit Polio infiziertes Bein zu stützen. Links im Bild ist Nagmas Mutter, die alleine den Haushalt führt.Photo: Simon Murphy

SNS_India eradicates polio not poverty 4

Nagma Sultana (15) vor dem kleinen Zimmer ihrer Familie in den Slums von Bangalore. Sie trägt eine Beinschiene, um ihr mit Polio infiziertes Bein zu stützen. Links im Bild ist Nagmas Mutter, die alleine den Haushalt führt.Photo: Simon Murphy

SNS_India eradicates polio not poverty 5

Nagma Sultana (15) ist Teil der letzten Generation Indiens, die mit Polio leben muss. Die Krankheit wurde im Januar 2012 offiziell ausgerottet.Photo: Simon Murphy

SNS_India eradicates polio not poverty 6

Nagma Sultana (15) ist Teil der letzten Generation Indiens, die mit Polio leben muss. Die Krankheit wurde im Januar 2012 offiziell ausgerottet.Photo: Simon Murphy

SNS_India eradicates polio not poverty 7

Nagma Sultana (15) ist Teil der letzten Generation Indiens, die mit Polio leben muss. Die Krankheit wurde im Januar 2012 offiziell ausgerottet.Photo: Simon Murphy

SNS_India eradicates polio not poverty 8

Vimalashree Ramamurthy im Eingang zum Zuhause ihrer Familie in den Slums in Bangalore. Sie hat sich mit Polio angesteckt, als sie erst vier Monate alt war. Es hat ihr linkes Bein beeinträchtigt, was heißt, dass sie während ihrer ganzen Kindheit nicht gehen konnte.Photo: Simon Murphy

SNS_India eradicates polio not poverty 9

Vimalashree Ramamurthy vor dem Zuhause ihrer Familie in den Slums in Bangalore. Sie hat sich mit Polio angesteckt, als sie erst vier Monate alt war. Es hat ihr linkes Bein beeinträchtigt, was heißt, dass sie während ihrer ganzen Kindheit nicht gehen konnte.Photo: Simon Murphy

SNS_India eradicates polio not poverty 10

Vimalashree Ramamurthy in ihrem örtlichen Tempel in den Slums von Bangalore. Sie betet jeden Tag, damit ihr Leben besser wird.Photo: Simon Murphy

SNS_India eradicates polio not poverty 11

Vimalashree Ramamurthy in ihrem örtlichen Tempel in den Slums von Bangalore. Sie betet jeden Tag, damit ihr Leben besser wird.Photo: Simon Murphy

SNS_India eradicates polio not poverty 12

4. A mother carries her disabled son along whilst underway to fetching water in Bangalore. An estimated 17 million disabled people in India do not receive support like mobility aids.Photo: Simon Murphy

SNS_India eradicates polio not poverty 13

APD programme manager Gopinath Krishnapur says that although some diseases, including polio, are now under control in India, the number of other disabilities is still growing.Photo: Simon Murphy


Die fünfzehnjährige Nagma Sultana lächelt, als sie schüchtern in die winzige Wohnung im obersten Stock eintritt. Der Geruch des offenen Abwasserkanals in der Nähe liegt penetrant im Raum. Die schmutzigen Zementwände haben keine Fenster; das einzige Licht kommt durch die offene Tür, die in den engen Gang führt. Ein Teil des kalten Steinbodens ist mit einem dünnen Teppich bedeckt; abgesehen davon, ist das Zimmer leer. Man hört das Echo der lauten Geräusche von den Straßen der Armenviertel. Über diese Lebensumstände sprechen Politiker und Investoren nicht, wenn sie für Indiens eigenes "Silicon Valley " werben. Aber für Nagma und zwei Millionen andere Bewohner Bangalores ist das, was sie ihr Zuhause nennen.

Die Situation für Nagma ist noch härter, weil sie an Polio in ihrem linken Bein leidet. Auf  ihren Krücken das schmale Treppenhaus zu ihrer Wohnung hochzulaufen, ist eine tägliche Herausforderung. Das Tragen einer Burka, die die Bewegungsfreiheit einschränkt, macht alles noch schwieriger.  Als Muslimin muss sie immer, wenn sie aus dem Haus geht,  den schwarzen, vollständig bedeckenden  Schleier tragen und versteckt somit ihre Gehhilfe. "Manchmal drängen mich die Leute von einer belebten Bushaltestelle weg und ich falle beinahe auf den Boden. Sie sehen nicht, dass ich behindert bin, wenn ich eine Burka trage". Auch die Verpflichtung zu fünf Gebeten am Tag, die der Islam vorschreibt,  kann herausfordernd sein: "Ich kann mit meiner Beinschiene nicht hinknien und es ist schmerzhaft, sie jedes Mal auszuziehen".

Nagma ist Teil der letzten Generation in Indien, die von Polio betroffen ist. Nach Jahrzehnten  des Kampfes, um den Virus auszurotten, wurde Indien letzten Monat von der WHO-Liste der Länder, in denen Polio vorherrscht, gestrichen. In 2009 hatte das Land noch die weltweit meisten Fälle von Polioerkrankten, aber nach einer zwölfmonatigen Phase ohne Neuerkrankungen, wird die Krankheit offiziell als besiegt angeschaut. Mit nur Afghanistan, Pakistan und Nigeria auf der Weltliste, wird Polio bald eine Krankheit der Vergangenheit sein.

Für junge PatientInnen, wie Nagma, wird die Krankheit ihre Zukunft bestimmen. "In meiner Kultur heiraten Mädchen normalerweise im Alter von 16 Jahren. Aber wer wird mich heiraten? Wenn die Menschen mein Bein sehen, denken sie, Allah bestraft mich. Meine Familie wird für mich eine größere Mitgift bezahlen müssen". Obwohl in Indien die Bezahlung der Mitgift im Jahre 1961 abgeschafft wurde, ist sie noch immer gängige Praxis. Die Familien von jungen Bräuten, die es sich nicht leisten können, die oft sehr hohen Summen, die von den neuen Schwiegereltern gefordert werden, zu bezahlen, werden bedrängt und manchmal mit Gewalt bedroht. Frauenorganisationen behaupten, dass 25'000 Bräute jedes Jahr umgebracht werden, wenn die Mitgift nicht bezahlt werden kann.

Nagma ist am Poliovirus erkrankt, als sie nur neun Monate alt war. Ihr Vater hat die Familie verlassen, als sie ein Kleinkind war und seine Frau musste sich alleine um fünf Töchter und zwei Söhne kümmern. Es war sehr hart für die Familie und ohne das nötige Geld für eine Untersuchung im Krankenhaus, griff Nagmas Mutter auf traditionelle und religiöse Heilmethoden zurück, um ihre Tochter zu heilen. "Sie  gingen mit mir zum Dargah-Tempel, der mit dem Bus etwa 100 Kilometer entfernt ist". Menschen mit Krankheiten pilgern während des Vollmondes oder des Halbmondes dorthin. Sie machten viele Pujas (rituelle Gebete) für mich. Ich habe auch Oelmassagen für mein Bein bekommen und meine Familie hat für 16 Tage am Stück gefastet. Sie dachten, es würde mich heilen."

Während die Stadt um sie herum sich so stark weiterentwickelt hat wie noch nie in ihrer Geschichte, war Nagmas Kindheit ein ständiger Kampf ums Überleben. "Ich konnte nicht zur Schule gehen, weil ich nicht gehen konnte. Die Nachbarskinder nannten mich "Spasti" und als sie Seilhüpfen spielten, sagten sie, ich könnte nicht mitmachen. Das machte mich wirklich traurig."

"Als Haushalt mit einem alleinerziehenden Elternteil ist das Familieneinkommen kaum genug. " Meine Mutter und meine Schwestern verkaufen Dosa (knusprige, pikante Omeletten) von morgens bis abends, sie machen etwa 30 oder 40 Rupien am Tag (weniger als 60 Cents). Ich helfe, indem ich Räucherstäbchen rolle, mit denen wir etwa 10 Rupien am Tag verdienen. Normalerweise essen wir Dosa, kein Gemüse, keine Früchte und kein Fleisch. Manchmal trinken wir nur Wasser und gehen ins Bett. Ich bin wütend, weil mein Vater sich nicht um uns kümmert, aber wir haben Glück die Art Mutter zu haben, die wir haben. Wenn wir nicht genug Essen haben, gibt sie uns ihr eigenes und sie selbst isst nichts."

Die Vereinigung für Menschen mit einer Behinderung (Association of People with Disability - APD) mit Sitz in Bangalore schätzt, dass sechs Prozent - 72 Millionen Menschen - im Land eine Behinderung haben. Gemäß Daten der nationalen Stichprobenerhebung haben davon etwa 29 Millionen körperliche Behinderungen, während angenommen wird, dass 43 Millionen Inder und Inderinnen an geistigen Behinderungen leiden. Gopinath Krishnapur, der Programm-Manager von APD sagt, dass, obwohl einige Krankheiten wie Polio jetzt unter Kontrolle sind, steigt die Anzahl anderer Behinderungen noch immer. " Wir haben eine steigende Anzahl Menschen mit Verletzungen der Wirbelsäule, die oft ein Resultat von Arbeitsunfällen sind. Wir sehen auch viele neue Fälle von Babies mit angeborenen Behinderungen, einschließlich Geburtsfehler und Erbkrankheiten auf Grund von Unterernährung während der Schwangerschaft."

Krishnapur sagt, dass die Arbeit seiner Wohltätigkeitsorganisation kaum an der Oberfläche der Probleme des Landes kratzt. "Unterstützung gibt es nur in wenigen großen Städten, in denen Nichtregierungsorganisationen aktiv sind. Von allen Menschen mit körperlichen Behinderungen, brauchen mehr als 60 Prozent große Unterstützung aller Art, damit sie überleben können."  Mit 17, 4 Million Menschen, die dringend Hilfe benötigen, um mit ihrer körperlichen Behinderung umzugehen und extremer Armut zu entgehen, ist die Herausforderung riesig. Zusätzlich zu den lebensrettenden Maßnahmen, die benötigt werden, sagt Krishnapur, dass viel getan werden muss, damit Indien die behinderte Bevölkerung in die Gesellschaft einschließt. " Eine der großen Herausforderungen, die wir angehen müssen, ist eine Gesellschaft ohne Barrieren zu schaffen, die in 90 Prozent aller öffentlichen Orte nicht existiert."

Bevor ein APD-Mitarbeiter in Nagmas Slum kam, war die Teenagerin ans Haus gebunden und komplett von ihrer Mutter abhängig. Durch den Erhalt von Gehhilfen, wie  Krücken und Beinschienen, kann sie jetzt alleine zu Schule gehen. APD, die  von der Schottischen Wohltätigkeitsorganisation SCIAF unterstützt wird, arbeitet mit Lehrern zusammen und half auch Nagmas Mutter, die Analphabetin ist, dabei half, sich für eine staatliche Invalidenrente zu bewerben. Obwohl das nur 400 Rupien im Monat sind (7 Euro), ist das Geld oft entscheidend in der Frage, ob die Familie etwas zu essen hat oder nicht. Ein Elterntrainingskurs half der Mutter, Nagmas Behinderung zu verstehen und sie unterstützt sie nun in ihren physiotherapeutischen Übungen.

Die Zukunft der Familie Sultana bleibt ungewiss. Das Zimmer, in dem sie leben, gehört der Familie des Vaters, die gedroht hat, sie rauszuwerfen, weil die Miete nicht bezahlt wird. Nagma schaut den Himmel an, wenn sie darüber nachdenkt, was ihnen passieren könnte. " Nur Gott weiß, wohin wir gehen werden."

Trotz der Modernisierung der Stadt Bangalore, bleibt die Einstellung der Leute gegenüber Menschen mit einer Behinderung problematisch. Ein Bericht der Weltbank über Behinderung im Land sagt, "dass die soziale Grundhaltung und das Stigma eine große Rolle spielen in der Einschränkung von Möglichkeiten behinderter Menschen, vollständig am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben teilzunehmen. Dies ist oft sogar in ihren eigenen Familien der Fall." In Umfragen, die für den Bericht ausgeführt wurden, dachten etwa 50 Prozent der Haushalte, der Grund für eine  Behinderung, sei ein "Fluch Gottes". Der Bericht kam auch zum Schluss, dass Frauen mit einer Behinderung, zahlreichen anderen Herausforderungen entgegenstehen.

Vimalashree Ramamurthy, 23, kennt diese Herausforderungen nur zu gut. An Polio erkrankt und in den Slums Bangalores aufgewachsen, fühlte sie sich immer wie eine Außenseiterin: "Ich fürchtete mich davor, zur Schule zu gehen. Ich wurde von den anderen Kindern gequält. Sie schubsten mich wegen meines Beins und sie nannten mich nie bei meinem Namen. Ich wurde nur  "das behinderte Mädchen" genannt. Ich weinte die ganze Zeit. Ich hatte solche Angst und war so traurig, dass ich mich umbringen wollte."

Die Situation zu Hause ist genau gleich herausfordernd, da Vimalashrees Vater keine Verantwortung für seine behinderte Tochter übernimmt. " Er ist ein schlimmer Alkoholiker. Er hat oft versprochen, mit dem Trinken aufzuhören. Er ging auf eine Pilgerreise nach Kerala und für eine Weile schlug er uns nicht, aber dann fing er wieder damit an. Auch wenn wir die Polizei riefen, würde sie nichts dagegen tun. Er ist mein Vater und deshalb kann ich nichts gegen ihn unternehmen. Es ist unsere Familie und unser Problem."

Wie viele Mädchen aus Indien, ist Vimalashree darüber besorgt, zu heiraten. Sie fürchtet, Männer würden sie nicht auf die richtige Weise wertschätzen. "Die Leute denken, dass wir dumm sind, nur weil wir behindert sind." Das Beispiel ihres eigenen Vaters hat ihre Ängste verstärkt: " Ich möchte nicht heiraten, weil der Geist meines Vaters immer in meinem Kopf ist. Ich stelle mir vor, dass der Mann, den ich heirate, mich auch schlagen würde und ich will das nicht. "

Mit der APDs Hilfe, hat es Vimalashree kürzlich geschafft, eine befristete Stelle als Buchhaltungsassistentin in einer großen Firma zu bekommen. Obwohl sie jetzt Lebensmittel für ihre Familie kaufen kann, bleibt sie besorgt um die Zukunft. "Ich pendle vier Stunden am Tag zwischen den Slums und dem Geschäftsviertel und manchmal werde ich im Bus belästigt. Ich versuche, so hart wie möglich zu arbeiten, aber ich weiß, dass ich die Stelle verlassen werden muss. Ich bete jeden Tag, dass alles besser wird, aber ich bin nicht sicher, dass es das wird."

Übersetzt von Andrea Wieler

AN DIE EDITOREN: BITTE VERÖFFENTLICHEN SIE DIESEN TEXT MIT, WENN SIE ARTIKEL ZU INDIEN IN IHREM MAGAZIN HABEN. UM IHRE LOKALEN KONTAKTDATEN ZU EINZUSETZEN, KLICKEN SIE HIER.

Sie können helfen

In [Land einfügen] kooperiert SCIAF mit [Mitgliedsorganisation einfügen] um Mobilitätshilfen, Prothesen, Physiotherapie und Zugangsbildung sowie Anstellung für behinderte Menschen, Saatgut, Werkzeug, Ausbildung und Mikrofinanzierung in armen, ländlichen Gebieten bereitzustellen. Sie können zu diesen Projekten in Indien und weltweit beitragen: bei [URL einfügen] oder rufen Sie an, [Telefonnummer einfügen].

 andere Fremdsprachen-Versionen

kürzlich hinzugefügt