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Flüchtlinge in Malawi fliehen aus ihrem Zufluchtsort

 INSP Montag, 21. Mai 2012

Flüchtlinge leben in Malawi fast wie Gefangene. Unabhängig davon, wie lange sie schon hier sind, dürfen die Flüchtlinge nicht außerhalb von Dzaleka, dem einzigen offiziellen Flüchtlingscamp des Landes, leben und arbeiten. Doch das Leben in diesem überfüllten Camp ist hart und bietet nur eingeschränkte Möglichkeiten. Daher haben sich viele dafür entschieden, zu fliehen und ihr Leben in illegaler Freiheit zu führen. (1143 Wörter) - Von Jorrit Meulenbeek

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Refugees at Dzaleka camp in Malawi collecting their monthly ration of maize and oil, provided by the World Food Programme. As they are not allowed to work or venture outside the camp, many refugees have to rely on this.Photo: Jorrit Meulenbeek

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Youth at Dzaleka camp hanging around in front of one of the camps small shops. While NGO’s have started schools there, they struggle to accommodate the ever growing number of people.Photo: Jorrit Meulenbeek

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A back street in the centre of Dzaleka refugee camp, Malawi. The camp looks like a normal town in most places, with the exception that people are not allowed to venture outside.Photo: Jorrit Meulenbeek

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Because monthly food rations are not enough to live a comfortable life, many refugees at Dzaleka camp, Malawi, have started a small business to make some extra income.Photo: Jorrit Meulenbeek

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With no perspective of finding a job, many young men at Dzaleka refugee camp in Malawi spend their days hanging around at one of the bars.Photo: Jorrit Meulenbeek

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Playing pool using a makeshift table, bamboo reeds and marbles is one of the favourite pastimes of children at Dzaleka refugee camp in Malawi. The tables are operated by older children, who charge their friends for every game to make some money.Photo: Jorrit Meulenbeek

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Rwandan refugee Leopold Bantubino has stayed at Dzaleka refugee camp in Malawi for over 15 years now. He is content with life at the camp, but worries about the lack of future perspectives for his five children.Photo: Jorrit Meulenbeek

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Refugees at Dzaleka camp in Malawi collecting their monthly ration of maize and oil, provided by the World Food Programme. As they are not allowed to work or venture outside the camp, many refugees have to rely on this.Photo: Jorrit Meulenbeek

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John visiting friends at Dzaleka refugee camp in Malawi, where he used to live before he escaped the camp. Perceived as being more successful because he lives outside the camp, he is expected to bring some money for his friends and relatives there whenever he visits.Photo: Jorrit Meulenbeek

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Children playing with an oxcart at Dzaleka refugee camp in Malawi. While NGO’s have started schools there, they struggle to accommodate the ever growing number of children.Photo: Jorrit Meulenbeek

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Dzaleka refugee camp in Malawi is spread out over a desolate hilltop in the middle of nowhere. Residents who have stayed here for many years have managed to construct permanent houses.Photo: Jorrit Meulenbeek

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A Rwandan shopkeeper at his shop in Lilongwe, Malawi. Because refugees are officially prohibited from working outside the refugee camp, he is continuously at risk of being arrested.Photo: Jorrit Meulenbeek

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A refugee from Rwanda in front of his small house at Dzaleka refugee camp in Malawi. For people like him, who were used to doing some small farming in the village at home, life at the camp is not much different.Photo: Jorrit Meulenbeek

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Youths socializing around one of the water pumps at Dzaleka refugee camp, Malawi. With limited access to higher education and no real future perspectives, many just hang around doing nothing.Photo: Jorrit Meulenbeek

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Rwandan refugee Leopold Bantubino has stayed at Dzaleka refugee camp in Malawi for over 15 years now. He is content with life at the camp, but worries about the lack of future perspectives for his five children.Photo: Jorrit Meulenbeek


Als John sich mit seinem Auto dem Polizeiposten nähert, tritt ein bewaffneter Soldat auf die Straße und signalisiert ihm mit ausgestrecktem Arm, anzuhalten. John kurbelt das Fenster hinunter, während der Polizist näher kommt und einen Blick ins Auto wirft. Heute stellt er zum Glück nur wenige Fragen und lässt John nach einem kurzen Gespräch passieren.

Nun darf John nach Dzaleka hineinfahren. Es ist das einzige Flüchtlingscamp in Malawi und liegt eine Autostunde von der Hauptstadt Lilongwe entfernt. Dieses Camp war einmal sein Zuhause, nachdem er als Flüchtling aus Ruanda gekommen war. Mittlerweile lebt er nicht mehr im Camp, ist hier jedoch offiziell noch gemeldet. Deshalb ist er heute hergekommen, um sich mit den anderen den ganzen Tag anzustellen und seine monatliche Ration an Nahrungsmitteln abzuholen - einen großen Sack Mais für sich und seine Familie.

"Wenn ich meine Ration nicht abhole, streichen sie meinen Namen von der Liste", erklärt John diese monatliche Routine. "Sie nehmen einfach an, dass man das Camp verlassen hat, wenn man nicht mehr kommt. Das heißt, ich würde meinen Flüchtlingsstatus verlieren."

John ist einer von vielen Flüchtlingen, die sich über Malawis Flüchtlingsgesetze hinwegsetzen, indem sie ein Leben außerhalb des Camps führen. Zwar willigte Malawi mit der Unterzeichnung der UN-Flüchtlingskonvention von 1951 ein, Flüchtlinge aufzunehmen, das Land legte jedoch einige Einschränkungen fest, die unter anderem die Bewegungsfreiheit der Flüchtlinge und deren Recht auf Beschäftigung und auf eigenen Besitz betreffen.

Zuflucht in einem Gefängnis

Dzaleka, das auf einem einsamen Hügel liegt, war einst ein Hochsicherheitsgefängnis für Gegner des früheren Diktators Hastings Kamuzu Banda. In den frühen 1980er Jahren wurde es in ein Flüchtlingscamp umgewandelt, um den Zustrom an Menschen aus dem vom Krieg zerrütteten Mosambik bewältigen zu können, und nimmt seither vor allem Flüchtlinge aus Burundi, Ruanda und dem Kongo auf.

Ursprünglich war es für die Unterbringung von viertausend Menschen gedacht, doch derzeit leben laut einer Statistik von 2010 fast dreizehntausend Menschen dort. Und täglich gibt es Neuankömmlinge aus dem Kongo, aus Somalia und Eritrea.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, Dzaleka sei eine normale malawische Stadt, mit Märkten, Bars, Speiselokalen und Geschäften. Nur die große Vielfalt an Nationalitäten und Bekleidungsstilen und der Mix aus fremden Sprachen, die auf der Straße gesprochen werden, lassen etwas anderes erahnen.

Heute sieht es dort nicht mehr wie in einem Gefängnis aus. Obwohl die Straße zum Flüchtlingscamp manchmal von Soldaten bewacht wird, ist es nicht sehr schwierig, an ihnen vorbeizukommen. Außer rund um die Büros gibt es keine Tore oder Zäune.

Doch viele, die hier wohnen, fühlen sich in dieser Stadt noch immer wie in einem Gefängnis - so dankbar sie auch dafür sein mögen, dass sie in Malawi Zuflucht gefunden haben, nachdem sie den Gräueln in ihren Heimatländern entkommen waren.

"Ich wünschte, es gäbe ein anderes System, in dem wir einfach frei sein könnten", meint der 36-jährige Michael Mahoro aus Ruanda. Er hatte versucht, in sein Land zurückzukehren, nachdem der Krieg offiziell zu Ende war, fühlte sich dort aber immer noch nicht sicher. Nach ein paar Jahren im Kongo kam er 2003 hierher.

"In Ruanda habe ich studiert, ich habe einen Abschluss in Personalmanagement, aber hier in Malawi darf ich nicht arbeiten", erklärt er, was ihn am meisten frustriert.

Jetzt arbeitet er in einer Bar im Camp, wo er wenigstens ein bisschen Geld verdient, um die zwei kleinen Kinder seines verstorbenen Stiefvaters zu unterstützen. "Die Nahrungsmittel, die sie uns jeden Monat geben, reichen nicht aus, wir müssen etwas dazuverdienen, sonst können wir nicht überleben."

Sich frei bewegen bedeutet, in Angst zu leben

Obwohl er wegen seiner begrenzten Möglichkeiten frustriert ist, ist Mahoro der Meinung, dass er das Camp nicht wie John und andere verlassen kann. "Es ist ein großes Risiko. Wenn man einmal draußen ist, muss man immer in Angst leben. Und wenn man sein Geld in ein Geschäft steckt, gibt es keine Sicherheit, man kann alles an einem Tag verlieren."

John hatte in dieser Hinsicht Glück. Seitdem er 2004 das Camp verließ, um in der Stadt zu wohnen, ist er noch nie erwischt worden. Manchmal ist er allerdings nur knapp entkommen - wie zum Beispiel das eine Mal, als er unterwegs war, um Billardtische zu warten, und Polizisten seine Papiere verlangten. Nach einer kurzen Diskussion schaffte er es jedoch, die Angelegenheit mit Geld zu regeln.

Viele andere haben nicht so viel Glück. Im Rahmen unerwarteter Razzien durch Einwanderungs- und Polizeibehörden werden zahlreiche Flüchtlinge, die außerhalb des Camps leben, mehrmals im Jahr verhaftet. Wie viele andere Ruander betreibt Johns Freund Makambo einen Laden in Lilongwe. Er wurde bereits vier Mal von Einwanderungsbeamten verhaftet, seit er 2005 das Flüchtlingscamp verließ.

"Das erste Mal war ich in meinem Laden, als ich sie kommen sah. Sie hatten mich in Verdacht und verlangten meine Genehmigung, die ich aber nicht hatte. Damals verbrachte ich vierzehn Tage im Gefängnis."

Makambo erklärt, dass Flüchtlinge, die außerhalb des Camps leben und deshalb verhaftet werden, keine Möglichkeit hätten, etwas dagegen zu unternehmen. Sie könnten nur darauf hoffen, dass Freunde draußen die UN-Flüchtlingskommission benachrichtigen, die dann den Flüchtlingsstatus in ihren Unterlagen überprüfen und die Freilassung aushandeln kann.

Wenig Hoffnung auf Veränderung

Doch Menschen wie John und Makambo sind der Meinung, dass sie keine andere Wahl haben, als dieses Risiko weiterhin einzugehen. Für sie, die eigentlich geborene Geschäftsleute sind, wäre es noch schlimmer, ihr Leben lang tatenlos im Flüchtlingscamp herumsitzen zu müssen, denn sie hätten keine klaren Zukunftsperspektiven und nur wenig, was sie ihren Familien bieten könnten.

Willy Gidala, der frühere stellvertretende Kommissar für Nothilfe und Wiederaufbau, meinte in diesem Zusammenhang, dass diese Flüchtlinge "ihre Gastgeber beleidigen" würden, wenn sie gegen die Regeln verstoßen. "Sie sollten für Malawis Gastfreundschaft dankbar sein, anstatt unsere Einstellung gegenüber allen Flüchtlingen negativ zu beeinflussen", so Gidala.

Solange Malawi Schwierigkeiten damit hat, seine eigene Bevölkerung mit grundlegenden Dingen wie Arbeit, Ausbildung und Wohnmöglichkeiten zu versorgen, erscheint es unwahrscheinlich, dass sich die Haltung der Regierung in Bezug auf die Rechte von Flüchtlingen bald ändern wird.

Im Camp ist Leopold Bantubino (58) gerade dabei Pommes frites zuzubereiten, um diese in seinem kleinen Laden zu verkaufen. Er lebt seit über 15 Jahren hier und kann sich nicht mehr vorstellen in sein Heimatland Ruanda zurückzukehren.

"Ich habe nie daran gedacht, das Camp zu verlassen", sagt er. "Mir genügt das Camp." Die fehlenden Zukunftsperspektiven für seine fünf Kinder, von denen zwei noch kein einziges Mal in Ruanda waren, bereiten ihm jedoch große Sorgen.

"Meine einzige Hoffnung besteht darin, dass wir eines Tages in ein anderes Land umgesiedelt werden und meine Kinder dort gute Schulen besuchen können. Ich glaube, das ist die einzige Chance, dass sich unsere Situation ändert."

Übersetzung aus dem Englischen von Federica Dreon, Cornelia Koller, Katharina Kwaczik.

Bild 1: Flüchtlinge im Camp Dzaleka in Malawi holen ihre monatliche Ration Mais und Öl ab, die vom World Food Programme zur Verfügung gestellt wird. Da sie nicht außerhalb des Camps arbeiten oder leben dürfen, sind viele Flüchtlinge darauf angewiesen. Foto: Jorrit Meulenbeek

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